Kernenergie wieder sachlich denken
Polen geht einen bemerkenswerten Weg: Das Land baut Kernenergie auf und entwickelt gleichzeitig Windkraft und andere erneuerbare Energien weiter. Das erste polnische Kernkraftwerk in Lubiatowo-Kopalino soll aus drei AP1000-Reaktoren mit zusammen 3,75 Gigawatt Leistung bestehen. Der erste Block ist derzeit für 2036 vorgesehen.
Für den energiepolitischen Sprecher der FDP Brandenburg, Prof. Dr. Martin Neumann, ist diese Entwicklung Anlass, die deutsche Energiepolitik wieder stärker sachlich und technologieoffen zu betrachten.
Polen zeigt, dass Kernenergie und der weitere Ausbau der erneuerbaren Energien kein Widerspruch sein müssen. Das ist kein Beweis dafür, dass Kernenergie automatisch die beste Lösung ist. Aber es ist ein guter Anlass, die deutsche Energiepolitik wieder sachlich zu betrachten.
Prof. Dr. Martin Neumann
Versorgungssicherheit braucht Technologieoffenheit
Deutschland wird seinen Strombedarf in den kommenden Jahren nicht senken, sondern deutlich erhöhen – unter anderem durch Elektrifizierung, Digitalisierung, Wärmepumpen, industrielle Prozesse und neue Rechenzentren. Wind und Sonne werden dabei eine zentrale Rolle spielen. Gleichzeitig liefern sie wetter- und tageszeitabhängig. „Wer Versorgungssicherheit und Klimaschutz ernst nimmt, sollte keine CO₂-arme Technologie aus ideologischen Gründen ausschließen“, erklärt Neumann. „Wind und Sonne brauchen ein leistungsfähiges System aus Netzen, Speichern, flexiblen Kraftwerken und ausreichend gesicherter Leistung. Das gilt auch für die Kernenergie.“
Dabei verschweige eine liberale Position die Probleme der Kernenergie ausdrücklich nicht. Neue Kernkraftwerke seien kapitalintensiv, Bauzeiten könnten sich verlängern und Kosten erheblich steigen. Hinzu kämen Fragen der Haftung und Versicherung, der Endlagerung, des Rückbaus und der Finanzierung.
„Kernkraft ist kein Selbstläufer“, so Neumann. „Auch das polnische Projekt zeigt: Kernenergie ist eine langfristige und politisch wie finanziell anspruchsvolle Infrastrukturentscheidung. Niemand sollte behaupten, Kernkraft sei automatisch billig oder schnell verfügbar.“
Aus den hohen Kosten einzelner Projekte folge allerdings ebenso wenig, dass Kernenergie grundsätzlich keine Zukunft habe.
Der Staat sollte keine Technologie verbieten
Genau hier liege der liberale Ansatz, betont Neumann: „Der Staat sollte nicht entscheiden, welche Technologie aus politischen Gründen gewünscht oder unerwünscht ist. Er sollte faire Rahmenbedingungen schaffen und die tatsächlichen Kosten, Risiken und Systemleistungen transparent machen.“
Kernenergie, Windkraft, Solarenergie, Wasserkraft, Speicher, Netze und regelbare Kraftwerke müssten sich daran messen lassen, welchen Beitrag sie zu Versorgungssicherheit, CO₂-Minderung, Bezahlbarkeit, Netzstabilität und langfristiger wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit leisten.
„Nicht Ideologie, sondern Leistung sollte entscheiden“, sagt Neumann.
Deutschland sollte sich Optionen offenhalten
Die FDP Brandenburg fordert dabei nicht, kurzfristig neue Kernkraftwerke in Deutschland zu bauen. Vielmehr müsse Deutschland seine energiepolitischen Optionen offenhalten.
„Wir müssen nicht morgen ein neues Kernkraftwerk in Deutschland bauen. Aber wir sollten aufhören, die Kernenergie als grundsätzlich erledigtes Thema zu behandeln“, erklärt Neumann. „Wenn andere europäische Länder neue Reaktoren bauen und damit langfristig CO₂-arme gesicherte Leistung schaffen, sollte Deutschland zumindest in der Lage sein, diese Entwicklung sachlich zu bewerten und gegebenenfalls daran teilzuhaben.“
Eine moderne liberale Energiepolitik bedeute deshalb: Erneuerbare ausbauen, Netze und Speicher stärken, gesicherte Leistung sichern, Technologien vergleichen, Kosten ehrlich ausweisen und keine Technologie ideologisch ausschließen.
„Nicht Atomkraft oder Erneuerbare – sondern ein leistungsfähiges Stromsystem“
Für Neumann ist die entscheidende energiepolitische Frage daher nicht „Atomkraft oder Erneuerbare?“, sondern:
Wie schaffen wir ein Stromsystem, das jederzeit ausreichend Strom liefert, CO₂ reduziert, wirtschaftlich tragfähig ist und unsere industrielle Wettbewerbsfähigkeit erhält?
Prof. Dr. Martin Neumann
Wenn Kernenergie dazu einen Beitrag leisten könne, müsse sie Bestandteil der Debatte sein.
Technologieoffenheit bedeutet nicht, Kernenergie gutzuheißen. Sie bedeutet, sie nicht von vornherein auszuschließen.
Prof. Dr. Martin Neumann
